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Die Zikaden von Nordzypern: Warum der Sommer hier singt



Wer gerade auf Zypern ist, hört es wahrscheinlich jeden Tag.


Am stärksten klingt es mittags. Dann, wenn die Sonne hoch steht, die Pinien nach Harz riechen, die Luft über den Steinen flimmert und selbst die Katzen irgendwo im Schatten verschwinden.


Plötzlich ist es da.


Dieses helle, durchgehende, vibrierende **Ziiiiiiii**.


Es kommt aus den Bäumen. Aus den Pinien, aus den Oliven, aus den Gärten, aus den Hängen oberhalb des Meeres. Man hört es in Alagadi, in Esentepe, in Bellapais, in Girne, am Strand, an der Straße, auf Terrassen, in Ferienanlagen und manchmal sogar durch geschlossene Fenster.


Viele, die zum ersten Mal im Sommer auf Zypern sind, fragen irgendwann:


Was ist das eigentlich?


Die Antwort ist klein, unscheinbar und erstaunlich: Es sind Zikaden.



Das Geräusch des Mittelmeer-Sommers


Für viele Menschen gehört dieses Geräusch zum Mittelmeer wie Salz auf der Haut, Piniennadeln unter den Füßen und ein kalter Kaffee im Schatten.


Manche empfinden es zuerst als laut. Fast elektrisch. Als würde irgendwo ein Kabel singen. Andere hören darin sofort Urlaub. Süden. Wärme. Stillstand am Mittag.


Und vielleicht verändert sich dieses Geräusch für immer, wenn man einmal weiß, was dahintersteckt.


Denn die Zikade singt aus einem sehr alten, sehr klaren Grund: Ihr sichtbares Leben ist plötzlich sehr kurz geworden.


Viele Singzikaden verbringen den größten Teil ihres Lebens unter der Erde. Als Nymphen sitzen sie dort im Dunkeln, an Wurzeln, saugen Pflanzensaft und wachsen langsam heran. Je nach Art dauert diese verborgene Lebensphase mehrere Jahre. Erst wenn die Zeit gekommen ist, kommen sie aus dem Boden, klettern an einen Stamm, eine Rinde oder einen Ast und verwandeln sich in das geflügelte Tier, das wir im Sommer sehen können. UC IPM, Amateur Entomologists' Society


Dann beginnt ihr sichtbares Leben.


Und dieses Leben dauert nur wenige Wochen.



Jahre im Dunkeln, Wochen im Licht


Gerade das macht die Zikaden so berührend.


Sie leben lange im Verborgenen. Still. Unter der Erde. An Wurzeln, im Dunkel, im langsamen Rhythmus der Bäume. Dann kommen sie heraus, und plötzlich ist alles Licht, Wärme, Luft, Baumrinde, Flügel und Gesang.


Bei der Mannasingzikade, **Cicada orni**, auch Eschenzikade genannt, wird der Lebenszyklus in europäischen Quellen mit mehreren Jahren angegeben; eine portugiesische Biodiversitätsquelle nennt für diese Art etwa drei Jahre Gesamtentwicklung. Die erwachsenen Tiere erscheinen im Mittelmeerraum meist ab Juni oder Juli und können je nach Region bis in den frühen Herbst aktiv sein. Museu Virtual Biodiversidade


Auf Zypern können mehrere Singzikadenarten vorkommen. Die Mannasingzikade ist eine der bekanntesten und häufigsten Singzikaden des Mittelmeerraums und beschreibt dieses Sommerphänomen sehr gut. Fachliteratur nennt Cicada orni als eine der häufigen mediterranen Arten und weist zugleich darauf hin, dass die Zikadenfauna Zyperns vielfältig ist. PMC / Checklist of singing cicadas



Der Klang entsteht im Körper


Das Faszinierende ist: Zikaden erzeugen ihren Klang mit dem Körper.


Die Männchen besitzen am Hinterleib besondere Schallorgane, sogenannte Tymbale oder Trommelorgane. Man kann sich das ein wenig vorstellen wie eine kleine, elastische Membran, die sehr schnell eingedrückt und wieder losgelassen wird. Durch Muskelbewegungen entstehen Klicks und Vibrationen, die sich zu diesem durchdringenden Klang verbinden.


Der Hinterleib wirkt dabei wie ein Resonanzraum.


So entsteht aus einem kleinen Insekt ein Geräusch, das einen ganzen Hang, einen Garten oder eine Bucht füllen kann. University of Connecticut Cicadas,


Nur die Männchen singen. Sie locken damit Weibchen an. Was für uns wie ein endloses Sommergeräusch klingt, ist für die Zikade also Balz, Lebensdrang und vielleicht auch ein Wettstreit mit allen anderen Männchen im Baum.


Wenn viele gleichzeitig singen, wird daraus dieser große Klangteppich, der über dem Mittelmeer-Sommer liegt.



Warum sie bei Hitze lauter wirken


Vielleicht ist dir aufgefallen, dass Zikaden besonders dann zu hören sind, wenn es heiß ist.


Singzikaden sind wärmeliebend. Ihre Aktivität, ihre Muskulatur und ihr Gesang hängen stark von Temperatur und Sonne ab. Deshalb gehören sie so sehr zu den heißen Stunden des Tages.


An kühleren, bewölkten oder windigen Tagen wirkt die Landschaft plötzlich leiser. Abends, wenn die Hitze fällt, hört dieses intensive Sirren oft auf. Dann übernehmen andere Geräusche: der Wind, die Gläser im Restaurant, Stimmen auf Terrassen, das Meer.


Der Tag gehört den Zikaden.


Der Abend gehört wieder den Menschen.



Laut und harmlos


Zikaden können erstaunlich laut sein. Einige Arten gehören zu den lautesten Insekten der Welt; für bestimmte Zikaden werden Schallwerte von über 100 Dezibel angegeben, bei manchen sogar über 120 Dezibel in unmittelbarer Nähe. Entfernung, Richtung, Art, Umgebung und Dauer machen dabei einen großen Unterschied. CSIRO


Für den Menschen sind Zikaden vor allem eines: laut, auffällig und völlig harmlos.


Sie sitzen meist gut getarnt an Bäumen und tun, was Zikaden im Sommer tun: singen, sich paaren, Eier legen und dann verschwinden.



Warum dieses Geräusch so zu Nordzypern passt


Vielleicht liebe ich dieses Geräusch deshalb so sehr, weil es etwas über Nordzypern erzählt.


Es ist Natur. Roh, warm, lebendig, manchmal überwältigend und gerade deshalb echt.


Nordzypern hat im Sommer eine eigene Stimme. Die Hitze hat eine Stimme. Die Pinien haben eine Stimme. Die Böden, die jahrelang verborgenes Leben getragen haben, geben plötzlich etwas frei. Und dann sitzt man da, vielleicht mit einem kalten Getränk, vielleicht nach dem Schwimmen, vielleicht auf dem Weg von Girne nach Esentepe, und hört dieses Summen.


Beim ersten Sommer auf der Insel fragt man sich fast automatisch: Was ist das?


Wenn man es kennt, hört man plötzlich eine Geschichte.


Man hört Jahre im Dunkeln.


Man hört wenige Wochen im Licht.


Man hört den Sommer in seiner ganzen Kraft.



Ein kleines Wunder am Wegesrand


Vielleicht ist das Schönste an Zikaden, dass man sie fast nie bewusst sieht.


Man hört sie überall und findet sie mit geduldigem Blick. Sie sind an Rinde, Zweigen und Stämmen so gut getarnt, dass der Blick oft an ihnen vorbeigeht. Man steht direkt daneben, schaut in den Baum und folgt dem Klang.


Auch das passt irgendwie.


Vieles, was ein Land ausmacht, zeigt sich in leisen und wiederkehrenden Zeichen. Manche Dinge muss man hören, riechen, spüren. Nordzypern besteht aus Bellapais, Salamis, Girne, dem Karpaz und Alagadi. Und es besteht aus den kleinen Sommerzeichen am Wegesrand.


Dem Staub auf den Schuhen.


Dem Harzgeruch der Pinien.


Der warmen Steinmauer am Abend.


Und diesem Ziiiiiiii, das über allem liegt.



Wenn du es morgen hörst


Wenn du also gerade auf Zypern bist und dieses Geräusch hörst, bleib einen Moment stehen.


Schau in die Bäume.


Vielleicht zeigt sie sich erst nach einem Moment. Und du weißt jetzt, dass dort oben ein kleines Tier sitzt, das jahrelang im Dunkeln gelebt hat und nun für wenige Wochen alles gibt.


Es singt sein eigenes Sommerlied.


Und du darfst zuhören.


Und vielleicht wird aus dem Geräusch, das eben noch Lärm war, plötzlich etwas ganz anderes: ein Zeichen dafür, dass der Mittelmeer-Sommer wirklich da ist.



Alles Liebe

Samira & Marten



Quellen


- UC IPM: Cicadas, life cycle and nymphs underground: https://ipm.ucanr.edu/home-and-landscape/cicadas/

- Amateur Entomologists' Society: Cicada glossary, tymbal and life cycle: https://www.amentsoc.org/insects/glossary/terms/cicada/

- Phrygana.eu: Cicada orni, Mediterranean activity and adult life: https://phrygana.eu/Fauna/Cicadomorpha/Cicadidae/Cicada-orni/Cicada-orni.html

- PMC: Checklist and provisional atlas of singing cicadas, Cicada orni as common Mediterranean species: https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC7567745/

- Cicadina: Review of Zikaden / Auchenorrhyncha of Cyprus: https://public.bibliothek.uni-halle.de/cicadina/article/view/78

- University of Connecticut: Cicada behavior and tymbals: https://draft.cicadas.uconn.edu/behavior/

- CDC/NIOSH: Cicada noise and hearing context: https://www.cdc.gov/niosh/bulletin/2021/cicada.html


 
 
 

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