Der vergessene Geburtstag. Was der 16. August über Zypern – und über Moskaus Rolle – wirklich erzählt
- Samira Sinjab

- 16. Aug.
- 7 Min. Lesezeit

Vorspann: Heute ist der 16. August. Für die meisten Nachrichtenagenturen ein Tag wie jeder andere, für Zypern aber einer mit doppeltem Boden: 1960 wurde hier um Mitternacht ein gemeinsamer Staat geboren, 1974 trat am selben Datum der Waffenstillstand in Kraft, der die Insel bis heute teilt. Wir haben uns den Tag genauer angeschaut – und dabei eine dritte Geschichte wiederentdeckt, die in den meisten Rückblicken fehlt: die der Sowjetunion.
Wenn wir heute durch das heiße Zypern fahren, denkt hier kaum jemand an 1960. Die Fahnen, Erinnerungstafeln und Gespräche in den Kaffeehäusern drehen sich fast ausschließlich um 1974. Dabei liegt genau dazwischen die eigentlich interessante Frage: Wie kam es, dass ein Staat, der beiden Volksgruppen gemeinsam gehören sollte, innerhalb von nur vierzehn Jahren zerbrach – und welche Großmacht mischte im Hintergrund mit, über die heute kaum noch gesprochen wird?
1960: Ein Staat für zwei Gemeinschaften
In der Nacht zum 16. August 1960 endete die britische Kolonialherrschaft über Zypern. Die neue Republik beruhte auf den Abkommen von Zürich und London. Erzbischof Makarios III. wurde Präsident, der türkische Zyprer Fazıl Küçük Vizepräsident.
Die türkisch-zyprische Gemeinschaft war dabei keine gewöhnliche Minderheit, sondern gleichberechtigter Verfassungspartner – mit festgelegten Anteilen im Parlament, in der Verwaltung und bei der Polizei.
Drei Staaten übernahmen zusätzlich eine Garantenrolle: Griechenland, die Türkei und Großbritannien. Sie sollten die Unabhängigkeit, territoriale Integrität und verfassungsmäßige Ordnung schützen. Zugleich sollte verhindert werden, dass Zypern entweder mit Griechenland vereinigt – Enosis – oder zwischen Griechenland und der Türkei aufgeteilt würde – Taksim.
London zog sich nie vollständig zurück. Die Militärbasen Akrotiri und Dhekelia blieben britisches Hoheitsgebiet und sind es bis heute. Dennoch wird diese fortbestehende britische Verantwortung in der öffentlichen Erzählung wesentlich seltener thematisiert als die Rolle der Türkei. Zypernkonflikt – Wikipedia, zu den Garantiemächten
Moskau mischt mit
Die Kurzformel, die Sowjetunion habe in den 1950er-Jahren einfach die Enosis unterstützt, greift zu kurz.
Tatsächlich unterstützte Moskau bei den Vereinten Nationen wiederholt die griechische Forderung nach Selbstbestimmung für die zyprische Bevölkerung. Dahinter standen antikoloniale Überzeugungen, aber auch geopolitisches Kalkül: Der Konflikt schwächte den Zusammenhalt der NATO-Partner Griechenland, Türkei und Großbritannien und setzte London in einer strategisch wichtigen Kolonie unter Druck. Das beschreibt unter anderem der Historiker Marios Tasoulas in seiner Untersuchung der griechisch-sowjetischen Beziehungen von 1956 bis 1960. Tasoulas: The Role of the Cyprus Issue in Greek-Soviet Relations 1956–1960, RUDN Journal
Die sowjetische Haltung zur Enosis blieb dennoch widersprüchlich. Ein an Griechenland angeschlossenes Zypern wäre letztlich Teil eines NATO-Mitgliedstaates geworden. Für Moskau war daher nicht unbedingt das Ergebnis Enosis entscheidend, sondern der Konflikt, den die Forderung innerhalb des westlichen Bündnisses auslöste. TASAM: The Cyprus Issue in USSR–Turkish Republic Relations
Mit der Unabhängigkeit von 1960 veränderte sich die sowjetische Priorität. Ein freies, blockfreies Zypern ohne westliche Militärbindung wurde für Moskau attraktiver als eine Angliederung an Griechenland. Makarios pflegte enge Beziehungen zur Sowjetunion, Zypern schloss sich der Bewegung der Blockfreien an und mit der AKEL besaß die Insel eine der einflussreichsten kommunistischen Parteien außerhalb des Ostblocks.
Olguns These: Zypern als „Kuba des Mittelmeers"
Der ehemalige türkisch-zyprische Unterhändler Mustafa Ergün Olgun widmet der sowjetischen Rolle in seinem 2025 erschienenen Buch *Betrayal – The Other Side of the Cyprus Case* besondere Aufmerksamkeit. Olgun ist keine unbeteiligte Stimme: Er lebte den Zypernkonflikt selbst mit, wurde dabei verwundet, und diente später in leitenden Verhandlungsrollen unter Rauf Denktash, Derviş Eroğlu und Ersin Tatar. Eine Besprechung in der Cyprus Mail ordnet sein Buch entsprechend als eine von mehreren, bewusst unterschiedlichen Perspektiven auf den Konflikt ein – nicht als neutrale Gesamtdarstellung. Cyprus Mail: Cyprus has no shortage of histories, Einordnung zu Olgun und seinem Buch
Sein Schwerpunkt liegt nicht auf einer sowjetischen Planung der späteren Teilung. Er untersucht vielmehr, wie Moskau die griechisch-zyprische Führung während der Krise von 1963/64 stärkte.
Nach Olguns Darstellung vertraute Makarios auf politische und militärische Unterstützung aus der Sowjetunion und aus dem Ägypten Gamal Abdel Nassers. Moskau habe in einem griechisch-zyprisch dominierten Staat die Möglichkeit gesehen, über die starke kommunistische AKEL seinen Einfluss auszubauen, die Spannungen innerhalb der NATO zu verschärfen und im östlichen Mittelmeer Fuß zu fassen.
Olgun beschreibt in seinem Buch eine Zusicherung des sowjetischen Botschafters im Februar 1964 sowie die Anlandung sowjetischer Waffen über Ägypten – nach seiner Darstellung durch drei russische Schiffe am 23. Februar 1964 im Hafen von Famagusta.
Auch andere archivbasierte Forschung bestätigien Olguns Aussagen. Genau in diesem beschrieben Zeitraum wurden tschechoslowakische Waffenlieferungen an Makarios, darin beschrieben. Die Sowjetuniun spielte über ihren Bruderstaat die Tschechoslowakei eine erhebliche Rolle dabei, Makarios durch Waffenlieferungen an der Macht zu halten, um ihm den Aufbau von Sonderpolizeikräften als Gegengewicht zur griechisch kontrollierten Nationalgarde zu ermöglichen. Bešta: Czechoslovakia and the 'Cyprus issue' 1960–1974, Middle Eastern Studies und Mustafa Ergün Olgun: *Betrayal – The Other Side of the Cyprus Case.
Diese Unterstützung habe, so Olguns Interpretation, das Selbstvertrauen von Makarios und der griechisch-zyprischen Führung gestärkt. Gleichzeitig wuchs in Washington und London tatsächlich – das belegen freigegebene US-Akten unabhängig von Olgun – die Sorge, ein Sieg von Makarios würde die sowjetische Position im Mittelmeer und die der Kommunisten auf Zypern stärken, was der Furcht vor einem "Kuba des Mittelmeers" nahekommt, auch wenn dieser Begriff selbst aus Olguns Buch stammt.
Im Schlusskapitel formuliert Olgun seine These besonders scharf: Makarios habe im Bündnis mit der Sowjetunion die Möglichkeit genutzt, aus Zypern ein „Kuba des Mittelmeers" zu machen, falls der Westen die nach dem Zusammenbruch der gemeinsamen Regierungsstruktur entstandene Ordnung nicht akzeptiere.
Olgun verbindet diese Konstellation unmittelbar mit der Resolution 186 des UN-Sicherheitsrates vom 4. März 1964. Die Resolution schuf die Grundlage für die UN-Friedenstruppe UNFICYP und behandelte die damals ausschließlich griechisch-zyprisch geführte Verwaltung praktisch als Regierung der Republik Zypern.
Aus türkisch-zyprischer Sicht hatte dies eine folgenschwere Konsequenz: Die türkischen Zyprer verloren international ihre Stellung als gleichberechtigte Gründungspartner und erschienen zunehmend nur noch als Gemeinschaft innerhalb eines griechisch-zyprisch repräsentierten Staates.
Olguns zentrale These lautet deshalb: Die westlichen Mächte wollten einen Krieg zwischen Griechenland und der Türkei verhindern, die Südostflanke der NATO schützen und eine stärkere sowjetische Präsenz auf Zypern vermeiden. Unter diesem Druck sei eine Entscheidung entstanden, welche die Machtverhältnisse auf der Insel dauerhaft zugunsten der griechisch-zyprischen Seite verschoben habe.
Diese Interpretation ist umstritten. Sie macht aber sichtbar, wie eng der innerzyprische Verfassungskonflikt mit den Ängsten und Interessen des Kalten Krieges verbunden war.
Kein Architekt der Teilung
Die Sowjetunion war damit kein Nebendarsteller. Als heimlicher Architekt der geografischen Teilung von 1974 lässt sie sich jedoch ebenso nicht bezeichnen.
Moskau stärkte zunächst Makarios und die griechisch-zyprische Machtposition, weil ein blockfreies und sowjetfreundliches Zypern seinen Interessen entsprach. Als die griechische Militärjunta 1974 den Putsch gegen Makarios unterstützte, um die Enosis gewaltsam durchzusetzen, stellte sich die Sowjetunion gegen dieses Vorhaben und verteidigte offiziell die Unabhängigkeit und territoriale Integrität Zyperns.
Auf die anschließende türkische Militäroperation reagierte Moskau allerdings auffallend zurückhaltend. Eine wissenschaftliche Untersuchung von John Sakkas und Natalya Zhukova beschreibt diese sowjetische Selbstbeschränkung und kommt zu dem Ergebnis, dass Moskau die türkische Politik aus geopolitischen Gründen zumindest zeitweise hinnahm. Sakkas/Zhukova: The Soviet Union, Turkey and the Cyprus Problem, 1967–1974, Cairn.info
Die daraus hervorgegangene Teilung schwächte die NATO-Südostflanke und vertiefte den Konflikt zwischen Griechenland und der Türkei. Die Sowjetunion hatte die Teilung nicht nachweisbar geplant – konnte aus ihren Folgen aber strategischen Nutzen ziehen.
Wie 1974 den gemeinsamen Anfang überlagerte
Die Ordnung von 1960 hielt nur bis 1963. Die gemeinsame Regierungsstruktur brach auseinander, es kam zu interkommunaler Gewalt, Mord und Vertreibung und schließlich zur Stationierung der UN-Friedenstruppe.
Im Juli 1974 unterstützte die Athener Militärjunta den Putsch gegen Makarios. Die Türkei intervenierte unter Berufung auf den Garantievertrag. Am 14. August begann die zweite Offensive, zwei Tage später trat der Waffenstillstand in Kraft. Türkische Truppen kontrollierten danach rund 37 Prozent der Insel. bpb.de: Teilung Zyperns – ein nicht endender Konflikt?
Für griechische Zyprer steht 1974 bis heute für Invasion, Vertreibung und Vermögensverlust. Für türkische Zyprer gilt das Eingreifen überwiegend als Schutz- und Friedensoperation.
Beide Seiten erinnern sich an dasselbe Datum – nur aus entgegengesetzten Richtungen. Der 16.8,1960 gerät dabei zunehmend in Vergessenheit, weil die Staatsgründung an eine für beide Erzählungen unbequeme Tatsache erinnert: Die Republik Zypern war ursprünglich als gemeinsamer Staat gedacht.
Ein Datum verschwindet
Offiziell feiert die Republik Zypern ihre Unabhängigkeit nicht am 16. August, sondern am 1. Oktober. Die Verlegung erfolgte bereits in den frühen 1960er-Jahren, unter anderem wegen Sommerhitze und Urlaubszeit.
Der tatsächliche Geburtstag verlor dadurch an Sichtbarkeit. Gleichzeitig erhielt derselbe Tag durch den Waffenstillstand von 1974 eine zweite, wesentlich schmerzhaftere Bedeutung.
Das Trauma der Teilung hat die Erinnerung an die gemeinsame Gründung überlagert.
Russland heute: weniger Einfluss, weiterhin Vetomacht
Von Moskaus früherem Einfluss ist heute vor allem institutionelle Macht geblieben. Griechenland ist fest in NATO und Europäischer Union verankert. Auch die Republik Zypern hat sich stärker nach Westen orientiert und trägt seit 2022 die europäischen Sanktionen gegen Russland mit.
Olgun weist darauf hin, dass die russische Marine früher Einrichtungen im Hafen von Limassol nutzen konnte. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine, den Sanktionen und der engeren militärischen Zusammenarbeit zwischen der Republik Zypern und den Vereinigten Staaten sei diese Möglichkeit weggefallen. Ob daraus eine dauerhafte Abkehr Moskaus von der griechisch-zyprischen Seite entsteht, lässt er ausdrücklich offen.
Russland ist also nicht aus dem Zypernkonflikt verschwunden. Als ständiges Mitglied des UN-Sicherheitsrates besitzt es weiterhin ein Vetorecht – relevant bei Resolutionen zur UNFICYP und bei der internationalen Absicherung einer möglichen Friedensregelung.
Seine frühere operative Gestaltungsmacht auf Zypern und in Griechenland ist jedoch deutlich geschrumpft. Russland kann noch immer blockieren, aber wesentlich weniger gestalten.
Ein Tag, zwei fast vergessene Geschichten
1960 erzählt von einem schwierigen gemeinsamen Anfang, 1974 von seinem Scheitern. Dazwischen steht eine Großmacht, die Zypern nie besetzte, die Insel aber über Jahrzehnte als Bühne der Systemkonkurrenz nutzte.
Das Leid der Vertreibungen auf beiden Seiten wird durch diese geopolitische Betrachtung nicht kleiner. Aber wer nur an 1974 denkt, übersieht leicht, dass es 1960 einen Moment gab, in dem diese Insel beiden Gemeinschaften gemeinsam gehören sollte.
Und wer nur auf Griechenland, die Türkei und Großbritannien schaut, übersieht eine vierte Kraft: die Sowjetunion, deren Unterstützung für Makarios, deren Einfluss auf das westliche Sicherheitsdenken und deren Rolle im UN-Sicherheitsrat halfen, die politische Entwicklung der Insel mitzuprägen.
Wir bleiben dran.
Alles Liebe,
Samira & Marten
Quellen
- Mustafa Ergün Olgun: *Betrayal – The Other Side of the Cyprus Case. An Account of the Cyprus Issue and the UN Facilitated Settlement Process from 1960 to 2025*. Palgrave Macmillan/Springer Nature, 2025, insbesondere Kapitel 3, Seiten 26–29 und 36–37, sowie Kapitel 22, Seiten 633–635. [DOI und Verlagsausgabe](https://doi.org/10.1007/978-3-031-95742-0)
- [Cyprus Mail: Cyprus has no shortage of histories – Einordnung von Olgun und seinem Buch als eine von mehreren Perspektiven](https://cyprus-mail.com/2026/06/21/cyprus-has-no-shortage-of-histories)
- [Bešta: Czechoslovakia and the 'Cyprus issue' in the years 1960–1974, Middle Eastern Studies – unabhängige, archivbasierte Einordnung der Ostblock-Waffenlieferungen](https://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/00263206.2020.1860944)
- [Marios Tasoulas: The Role of the Cyprus Issue in Greek-Soviet Relations 1956–1960, RUDN Journal](https://journals.rudn.ru/international-relations/article/view/25963)
- [TASAM: The Cyprus Issue in USSR–Turkish Republic Relations](https://tasam.org/en/Icerik/72629/the_cyprus_issue_in_the_ussr-turkish_republic_relations)
- [John Sakkas/Natalya Zhukova: The Soviet Union, Turkey and the Cyprus Problem, 1967–1974](https://shs.cairn.info/revue-les-cahiers-irice-2013-1-page-123?lang=en)
- [Bundeszentrale für politische Bildung: Teilung Zyperns – ein nicht endender Konflikt?](https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/188336/teilung-zyperns-ein-nicht-endender-konflikt/)
- [Zypernkonflikt – Überblick zu Garantiemächten und Entwicklung](https://de.wikipedia.org/wiki/Zypernkonflikt)





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