Das Ende der Freiheit in Nordzypern? Was mit den wilden Eseln im Karpaz geschieht
- Samira Sinjab

- vor 7 Tagen
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Vorspann: Sie stehen mitten auf der Straße, stecken neugierig den Kopf durchs Autofenster und gehören für viele Besucher zur Karpaz Halbinsel wie der Golden Beach und das Kloster Apostolos Andreas. Nun sollen die wilden Esel Nordzyperns eingefangen und in kontrollierte Schutzbereiche gebracht werden. Was zunächst nach dem Ende einer zyprischen Idylle klingt, ist in Wahrheit der Versuch, die Karpaz Esel, die Natur und die Menschen der Region vor den Folgen einer jahrzehntelang ungelösten Situation zu schützen.
Wenn wir die lange Straße bis an die Spitze des Karpaz fahren, begegnen wir ihnen immer, bevor wir den nordöstlichsten Punkt der Insel Zypern erreichen und das blaue schaukelnde Meer wieder in unser Blickfeld rückt. Ein dunkler Esel wartet am Straßenrand, ein zweiter stellt sich gleich auf den Asphalt. Manchmal sind auch kleeine Esel dabei. Wir fahren langsam, halten an, öffnen zaghaft ein Fenster und bieten eine unserer in Dipkarpaz gekauften Karotten als Wegeszoll an. Es ist eine jener kleinen Szenen, von denen Besucher und Reisende später gern erzählen, wenn sie beschreiben wollen, was sie in Nordzypern erlebt haben.
Doch hinter diesem beinahe märchenhaften Bild steht ein wachsendes Problem. Anfang Juli haben die Behörden im Norden Zyperns damit begonnen, frei umherziehende Karpaz-Esel außerhalb der vorgesehenen Gebiete einzusammeln. Die Tiere sollen in vorbereitete Anlagen gebracht, tierärztlich untersucht, bei Bedarf behandelt und mit Mikrochips registriert werden. Anschließend sollen sie in eingezäunten, kontrollierten Flächen leben. Bei männlichen Tieren sind Sterilisationen vorgesehen, um die Fortpflanzung zu begrenzen und aggressives Verhalten zu vermindern.
Damit beginnt nicht, wie manche Schlagzeile vermuten lässt, das Ende des Karpaz-Esels. Es könnte aber das Ende seines bislang weitgehend unkontrollierten Lebens auf Straßen, Feldern und in empfindlichen Naturräumen sein.
Vom Arbeitstier zum Wahrzeichen
Die Karpaz Esel sind streng genommen keine Wildtiere, auch wenn sie im Volksmund oft so genannt werden. Es handelt sich um verwilderte Nachfahren domestizierter Arbeitstiere. Über viele Generationen trugen Esel auf Zypern Getreide, Oliven und Johannisbrot, zogen Lasten und waren für bäuerliche Familien ein nahezu unverzichtbarer Teil des Alltags. Mit Traktoren und Lastwagen verloren sie ab den 1960er- und 1970er-Jahren ihre wirtschaftliche Aufgabe. Weitere Tiere blieben infolge der Teilung der Insel 1974 zurück oder wurden später im abgelegenen Karpaz zusammengeführt. Eine weltweit wohl einzigartige Idee wurde über die Jahre zur Attraktion neben dem Goldden Beach.
Aus ehemaligen Haustieren entstand so eine frei lebende Population, und aus ihr eines der bekanntesten Bilder Nordzyperns. Die Esel wurden zu Fotomotiven, zu inoffiziellen Fremdenführern und zu einer Art lebendigem Gedächtnis der Insel. Wer ihre Geschichte kennt, sieht in ihnen mehr als ein hübsches Urlaubsfoto: Sie erzählen von Landwirtschaft und Modernisierung, aber auch von Flucht, Trennung und hecktisch und wehmütig bis zornig zurückgelassenem Leben.
Gerade deshalb berührt uns die neue Maßnahme, wenn wir mit Menschen darüber sprechen. Ein eingezäunter Karpaz-Esel passt weniger gut in die Vorstellung der letzten ungezähmten Landschaft Zyperns. Freiheit allein ist aber noch kein Tierschutz, und genau an diesem Punkt beginnt die eigentliche Abwägung.
Wenn die Postkartenidylle gefährlich wird
Auf der Karpaz Halbinsel suchen die Tiere Nahrung und Wasser, dringen dabei in landwirtschaftliche Flächen ein und beschädigen Kulturen. Nach Angaben der Verantwortlichen beeinträchtigen sie zudem endemische Pflanzen und Wasserstellen, die auch von Zugvögeln genutzt werden. Auf den Straßen kommt es immer mal wieder zu gefährlichen Begegnungen und Unfällen, besonders nachts, wenn die unbeleuchteten Tiere spät zu erkennen sind. Nordzypern hat durch den Aufschwung mehr Besucher und dadurch mehr Konflikte - deshalb müssen hier neue Lösungen gedacht werden.

Leider zahlen wie so oft auch hier die Esel selbst den Preis. Verletzte Tiere werden nicht immer rechtzeitig gefunden und versorgt. Im Februar starb zum Beispiel ein Esel an Schussverletzungen, nachdem sich notwendige Hilfe verzögert hatte. Zuvor und danach sorgten Berichte über getötete Tiere für Empörung. Gleichzeitig hatten einzelne Stimmen aus betroffenen Dörfern sogar die Beseitigung der Population gefordert. Der Konflikt ist damit längst mehr als eine touristische Randnotiz: Bauern fürchten um ihre Ernten, Tierschützer um das Leben der Esel, Naturschützer um eine empfindliche Landschaft. Zu viel wird gerungen - zuwenig Raum für Pflanzen, Esel und Ernte.
Hinzu kommt ein Verhalten, das gut gemeint ist und das Problem trotzdem verschärfen kann: das Füttern am Straßenrand, genau jene Szene, die wir eingangs beschrieben haben. Wo Autos regelmäßig Karotten, Brot oder andere Nahrung bedeuten, lernen die Tiere, auf der Fahrbahn zu warten und Fahrzeuge aktiv anzusteuern. Das erhöht das Unfallrisiko, verändert ihr natürliches Suchverhalten und kann sie von Menschen abhängig machen. Was für uns als Besucher ein schöner Augenblick ist, kann für die Esel zur gefährlichen Gewohnheit werden. Das ist leider gut gemeint aber ncht gut gemacht. Es ist wie immer, wenn Mensch auf Tier trifft und damit seinen Lebensweg ändert.
Ein Plan, der drei Seiten schützen soll
Die aktuelle Aktion kommt nicht aus dem Nichts. Bereits 2023 unterzeichneten das für Umwelt zuständige Ministerium im Norden, die Gemeinde Yenierenköy–Dipkarpaz und der Taşkent Doğa Park eine Vereinbarung für das, was inzwischen als Eselmanagement Karpaz bekannt ist. Ein elfköpfiges wissenschaftliches Gremium mit Vertretern aus Behörden, Veterinärwesen, Hochschulen und Zivilgesellschaft sollte das Vorhaben begleiten. Nach Verzögerungen bei Finanzierung und Vorbereitung ist das Programm nun in die praktische Phase gegangen.
Sein Ansatz ist grundsätzlich nachvollziehbar. Tiere werden nicht getötet, sondern erfasst und medizinisch betreut, die Population soll ohne gewaltsame Eingriffe langsam stabilisiert werden, und gleichzeitig sollen Landwirtschaft, Verkehr und sensible Lebensräume entlastet werden. Ob daraus wirklich eine tiergerechte und dauerhafte Lösung wird, entscheidet sich allerdings erst in der Umsetzung, nicht auf dem Papier.
Dafür müssen die vorgesehenen Flächen groß genug sein und Schatten, Wasser, Futter sowie Rückzugsmöglichkeiten bieten. Die Versorgung darf nicht nach einigen Monaten an fehlendem Geld scheitern. Sterilisationen benötigen fachgerechte Narkose, Nachsorge und Dokumentation. Und es braucht transparente Zahlen: Wie viele Tiere wurden aufgenommen, wie viele behandelt oder sterilisiert, wie hoch ist die Sterblichkeit, welche Auswirkungen hat die Maßnahme tatsächlich auf Vegetation, Landwirtschaft und Verkehr?
Gerade die Zahl der Karpaz Esel zeigt, wie groß die Wissenslücke ist. Eine Feldstudie aus dem Jahr 2003 ging von etwa 800 bis 900 Tieren auf 132 Quadratkilometern aus. Ein Reuters-Bericht nannte 2017 eine Expertenschätzung von rund 2.000. Andere, deutlich jüngere touristische Quellen sprechen von wesentlich kleineren Beständen. Der aktuelle Bericht zum Managementprogramm nennt keine neue vollständige Zählung.
Bleibt der Karpaz noch der Karpaz?
Die Sorge, mit den wilden Eseln Nordzyperns könne auch ein Teil der Seele der Karpaz Halbinsel verschwinden, verstehen wir gut. Für uns ist dabei die Frage entscheidend, ob und wo diese liebenswerten Tiere überall frei laufen dürfen. Entscheidend ist, ob es gelingt, ihnen ein gutes Leben zu ermöglichen, ohne andere Tiere, seltene Pflanzen und die Menschen der Region gegeneinander auszuspielen.
Gut geführte, großzügige Reservate könnten weiterhin Raum für Begegnungen bieten, nur sicherer und verantwortungsvoller. Du könntest die Tiere weiterhin beobachten und ihre Geschichte kennenlernen, ohne sie an Straßen zu locken. Tierärztliche Kontrollen würden Leiden früher sichtbar machen. Einnahmen aus behutsamem Naturtourismus könnten in Pflege, Futter und Schutz der Landschaft zurückfließen.
Schlecht umgesetzt droht dagegen eine andere Entwicklung: kleine, überfüllte Gehege, hohe laufende Kosten, mangelnde Kontrolle und der Verlust eines prägenden Landschaftsbildes. Der Zaun selbst ist deshalb weder die Lösung noch das Problem. Entscheidend ist, was innerhalb und außerhalb dieses Zaunes geschieht.
Die Karpaz Esel sind für uns kein dekoratives Zubehör einer Urlaubslandschaft. Sie sind Lebewesen und zugleich ein Stück zyprischer Kulturgeschichte. Es war so faszinierend zu erleben wie unreguliert ein Land existieren kann. Niemand störte sich bisher daran und jeder wusste seine Verantwortung wahrzunehmen. Jugentliche auf dem Weg zu ihrem Treffpunkt am Meer bei Sonnenuntergang, die Jäger und auch die damals geringere Anzahl an Touristen. Doch die Zeiten ändern sich auch hier und nun braucht es neue Lösungen für die wilden Esel Nordzyperns. Ihr Schicksal zeigt, wie schnell aus einem Symbol ein Konflikt werden kann, wenn die Anzahl an Menschen steigt und Verantwortung lange vertagt wird.
Wir lieben die Esel von Karpaz
Jetzt ist die Situation eine Andere und wir alle werden damit leben müssen. Die wilden unbekümmerten Jahre sind für die Esel und für das Erlebnis eines Besuchers nun wohl vorbei. Es wird etwas mehr Ordnung, mehr Dokumentation und weniger "das läuft schon" geben. Wenn Du also die wilden Esel von Karpaz noch erleben möchtest, dann nutze die Zeit die bleibt. Aber sei gern sensibel mit den Tieren, der wunderschönen Natur und dem einzigartigen Augenblick.
Alles Liebe
Samira & Marten
Quellen
Cyprus Mail, 3. Juli 2026: End of the road for the wild, free-roaming Karpasia donkey.
Vereinbarung zum Karpaz-Eselmanagement, August 2023: Umweltverwaltung, Gemeinde Yenierenköy–Dipkarpaz und Taşkent Doğa Park; berichtet unter anderem von Zirve Kıbrıs.
Euronews/Reuters, 22. August 2017: Meet the donkeys in Cyprus orphaned by war.
Visit North Cyprus: Hintergrund zur landwirtschaftlichen Geschichte und zu den beiden verbreiteten Erscheinungstypen des Cyprus Donkey.
Wissenschaftliche Feldstudie zur Populationsdynamik der verwilderten Esel im Karpaz, veröffentlicht 2005 auf Basis der Erhebung von 2003.





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