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Zypern, Tag zwei: Wahrheit als Fundament - und eine Schule in Esentepe, die schon weiterdenkt




Gestern haben wir Dir erzählt, wie UN-Generalsekretär António Guterres nach 16 Jahren als erstes Staatsoberhaupt seines Amtes wieder nach Zypern gereist ist. Heute, am zweiten Tag seines Besuchs, wird aus der Ankunft ernsthafte Arbeit: getrennte Gespräche mit Präsident Nikos Christodoulides und mit dem türkisch-zyprischen Verhandlungsführer Tufan Erhürman, ein gemeinsames Abendessen am Abend, und für Mittwoch ein trilaterales Treffen aller drei (Euronews; AP).


Nach seinen Gesprächen sagte Guterres, er werde alles in seiner Macht Stehende tun, um griechische und türkische Zyprioten in diesem wichtigen Moment zu unterstützen. Die Vereinten Nationen könnten den Frieden begleiten und fördern, gestalten müssten ihn die Menschen auf der Insel selbst und ihre politischen Führungen, gemeinsam mit den Garantiemächten Griechenland, Türkei und Großbritannien. Das klingt zurückhaltend, fast vorsichtig - und genau diese Vorsicht hat einen Grund, den man verstehen muss, um zu begreifen, worüber hier eigentlich verhandelt wird.


Wer unseren Artikel zu den Guterres-Mustern von vorgestern kennt, erkennt heute gleich zwei dieser Muster wieder. Erst werden die Seiten einzeln abgeklopft, bevor überhaupt ein größeres Format zur Debatte steht - genau das erleben wir gerade mit den getrennten Gesprächen. Und das größere Treffen kommt erst, wenn genug vorbereitet ist: Deshalb setzen sich Christodoulides, Erhürman und Guterres frühestens am Mittwoch gemeinsam an einen Tisch, nicht schon heute.



Woher die heutige Zurückhaltung kommt


Tufan Erhürman hat in seinem Beitrag zum aktuellen Bericht des Generalsekretärs an etwas erinnert, das in den Schlagzeilen leicht untergeht: Guterres und der Sicherheitsrat haben wiederholt auf die wachsende soziale und wirtschaftliche Kluft zwischen türkischen und griechischen Zyprioten hingewiesen. Diese Kluft vertieft die Entfremdung, Tag für Tag. Mehr Kontakte, Handel über die Green Line, neue Übergänge, konkrete Zusammenarbeit - all das könnte den Alltag der Menschen verbessern und langsam neues Vertrauen wachsen lassen (Cyprus Mail).


Wer verstehen möchte, warum viele türkische Zyprioten neuen Gesprächsrunden mit einer gewissen Skepsis begegnen, muss weiter zurückblicken als bis 1974. Die Republik Zypern entstand 1960 als Partnerschaft zweier politisch gleichberechtigter Gemeinschaften, mit einem bikommunalen Aufbau bis in Präsidentschaft, Parlament und Verwaltung hinein. Ab Dezember 1963 zerbrach diese Ordnung unter Gewalt. Türkisch-zyprische Amtsträger verloren ihren Platz in Regierung und Verwaltung. Nach der von Mustafa Ergün Olgun zusammengetragenen Quellenlage wurden bereits in den ersten neun Tagen der Kämpfe rund 25.000 türkische Zyprioten aus 104 Dörfern vertrieben, etwa ein Viertel der damaligen türkisch-zyprischen Bevölkerung. In den Jahren danach lebten Zehntausende in Enklaven, die zusammen nur etwa drei Prozent der Insel umfassten - ein Leben, das ein Bericht des UN-Generalsekretärs damals als „regelrechte Belagerung" beschrieb (Olgun, Betrayal - The Other Side of the Cyprus Case, S. 57 und 64).


Olgun schreibt als türkisch-zyprischer Zeitzeuge und späterer Verhandlungsführer. Sein Buch vertritt erkennbar eine Seite der Geschichte. Zugleich stützt er zentrale Passagen auf UN-Dokumente und diplomatische Telegramme. Eines davon sticht heraus: Der damalige amerikanische Unterstaatssekretär George W. Ball warnte 1964 in einem Telegramm an Außenminister Dean Rusk, die damalige Regierung könne, schaltete man die äußere Verteidigung der türkischen Zyprioten aus, mit einem „systematischen Völkermord" fortfahren und die türkischen Zyprioten „liquidieren" (Olgun, S. 70). Dieser Begriff ist keine spätere gerichtliche Feststellung, sondern die dokumentierte Einschätzung eines hochrangigen Diplomaten aus jener Zeit. Verfolgung, Vertreibung und jahrelange Einschränkungen für türkische Zyprioten sind dadurch trotzdem keine bloße Behauptung, sondern belegte Geschichte - so wie auch die Massaker von 1974 in Atlılar, Muratağa, Sandallar und Taşkent, denen überwiegend Frauen und Kinder zum Opfer fielen, zur belegten Geschichte gehören.


In vielen internationalen Kurzfassungen der Zypernfrage beginnt die Geschichte der türkischen Zyprioten erst 1974. Elf Jahre Verfolgung, Vertreibung und Leben in Enklaven fallen dabei unter den Tisch - und mit ihnen ein Schlüssel dafür, warum Vertrauen im Norden heute so vorsichtig verschenkt wird.



2004: Ein Ja, das ohne Folgen blieb


Vier Jahrzehnte später lag mit dem Annan-Plan ein umfassender Vorschlag für eine Wiedervereinigung vor. Am 24. April 2004 stimmten beide Gemeinschaften getrennt ab: rund 65 Prozent der türkischen Zyprioten sagten Ja, etwa 76 Prozent der griechischen Zyprioten Nein (Olgun, S. 364). Die gemeinsame Lösung scheiterte damit. Wenige Tage später trat die Republik Zypern der Europäischen Union bei, während EU-Recht im Norden ausgesetzt blieb. Mehr zu Hintergründen und Details in unserem Buch.


Für viele türkische Zyprioten wurde genau dieser Ablauf zur Erfahrung einer tiefen Ungerechtigkeit: Man hatte dem UN-Plan zugestimmt und blieb trotzdem politisch und wirtschaftlich isoliert. Der Rat der Europäischen Union erklärte nach dem Referendum zwar, er sei entschlossen, diese Isolation zu beenden, und Kofi Annan forderte die internationale Gemeinschaft auf, unnötige Hindernisse abzubauen. Finanzhilfen und die Green-Line-Regelung brachten begrenzte Öffnungen, der vorgesehene direkte Handel kam bis heute nicht umfassend zustande (Europäisches Parlament; EU-Kommission). Diese Geschichte prägt jede neue Gesprächsrunde bis heute. Wer erneut Vertrauen erwartet, muss verstehen, dass ein freundlicher Appell allein kaum genügt - die türkisch-zyprische Seite braucht diesmal die Gewissheit, dass Zustimmung und Kompromissbereitschaft praktische Folgen haben.


Und dann ist da eine Schule, die schon an morgen denkt


Esentepe kennen wir aus eigener Erfahrung als einen Ort mit Bergen im Rücken und Meer vor der Tür. Während in Nikosia über einen neuen politischen Prozess gesprochen wird, nähert sich hier ein Schulneubau seiner Fertigstellung. Die Çatalköy-Esentepe Belediyesi berichtete Mitte Juli über den Fortschritt der Arbeiten (Nachrichtenübersicht der Çatalköy-Esentepe Belediyesi).


Neben den Gesprächen eines UN-Generalsekretärs wirkt ein Schulgebäude zunächst klein. Für die Familien hier bedeutet es etwas sehr Konkretes: Kinder bekommen Räume zum Lernen, Lehrkräfte einen Ort, an dem sie Wissen und Orientierung weitergeben können, Eltern die Gewissheit, dass ihre Gemeinde an das Morgen denkt und nicht nur an das Heute. Auch Guterres selbst hebt Bildung als Ort der Versöhnung hervor, und wir teilen diesen Gedanken: Frieden zeigt sich am ehesten dort, wo junge Menschen eine Perspektive bekommen und wo Herkunft nicht darüber entscheidet, wer lernen darf und wer nicht. Türkisch-zyprische Kinder sollten wissen dürfen, was ihre Familien zwischen 1963 und 1974 erlebt haben. Griechisch-zyprische Kinder verdienen denselben ehrlichen Zugang zu den Erfahrungen ihrer eigenen Familien. Aus Wahrheit kann Verständnis wachsen, auf beiden Seiten der Insel.



Was von diesem Besuch bleiben muss


Der zweite Tag bringt noch keinen fertigen Friedensplan, und das war auch nicht zu erwarten. Er schafft aber einen Raum, in dem die tatsächliche Schieflage endlich ausgesprochen werden kann: der ungleiche internationale Status, die wirtschaftlichen Unterschiede, die Erfahrung von 2004 und die Sorge, dass ein weiteres Ja wieder ohne verlässliche Folgen bliebe. Ein neuer Prozess braucht deshalb einen klaren Rahmen - politische Gleichheit, die im Alltag spürbar wird, Vereinbarungen mit Zeitplan und überprüfbaren Schritten, direkte Kontakte, Handel und eine faire Beteiligung an den Chancen der Insel für beide Seiten.


In Esentepe wächst derweil in aller Ruhe ein Ort, an dem die nächste Generation lernen wird. Das neue Schulgebäude löst den Zypernkonflikt nicht, das würde ihm auch niemand zutrauen. Es zeigt aber, für wen eigentlich eine Lösung gesucht wird: für Kinder, für Familien, für Menschen, die hier leben und ihre Zukunft auf dieser Insel aufbauen. Guterres kann den Frieden nicht aufzwingen, das hat er selbst gesagt, und er hat recht damit. Wozu die UN beitragen kann, ist, dass Wahrheit gehört wird, Ungleichheit einen Namen bekommt und ein Versprechen diesmal so formuliert wird, dass beide Gemeinschaften ihm trauen können. Am Mittwoch, wenn sich Christodoulides, Erhürman und Guterres zum ersten Mal zu dritt an einen Tisch setzen, werden wir wissen, ob dieser Vertrauensvorschuss trägt.


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Alles Liebe

Samira & Marten



Quellen:


Eigener Artikel: Zypernfrage in Bewegung (27.07.2026)

Eigener Artikel: Wenn Guterres vermittelt – die Guterres-Muster (26.07.2026)

Euronews: Guterres nach den getrennten Gesprächen am 28. Juli 2026

AP: Guterres-Besuch und mögliches erweitertes Treffen

Cyprus Mail: Guterres-Bericht zur wachsenden sozioökonomischen Kluft

Çatalköy-Esentepe Belediyesi: Nachrichten und Schulneubau

Europäisches Parlament: Zusage zur Beendigung der Isolation und Direkt-Handels-Verordnung

EU-Kommission: Hilfsprogramm für die türkisch-zyprische Gemeinschaft

Mustafa Ergün Olgun: Betrayal – The Other Side of the Cyprus Case, vollständige englische Langfassung, Palgrave Macmillan/Springer Nature, 2025.

 
 
 

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