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Was mehr als 2.000 Tonfiguren über Nordzypern erzählen. Die stille Gesellschaft von Agia Irini:


Auf den Fotos aus dem Stockholmer Medelhavsmuseet stehen sie dicht an dicht: Männer mit Helmen, Schilden und erhobenen Armen, Wagenlenker, Pferde, Stiere und Wesen, die sich keiner einfachen Ordnung fügen wollen. Manche Figur ist kaum größer als eine Hand, andere reichen fast bis zur Hüfte eines Menschen. Kein Gesicht gleicht dem anderen. Einst waren viele dieser Tonkörper rot und schwarz bemalt, und an manchen hält sich diese Farbe bis heute wie eine sehr leise Erinnerung.


Uns überrascht diese Insel immer wieder aufs Neue, und Agia Irini gehört zu den Geschichten, die uns beim Recherchieren regelrecht angehalten haben. Wer die Bilder zum ersten Mal sieht, denkt vielleicht an eine kleine zyprische Verwandte der berühmten Terrakotta-Armee von Xi'an.


Dieser Gedanke führt zugleich auf die richtige und auf die falsche Spur: Richtig, weil hier tatsächlich eine große Gemeinschaft aus Ton vor einem steht. Falsch, sobald man in Agia Irini eine Armee für einen Herrscher vermutet. Diese Figuren bewachten kein Kaisergrab. Sie waren Gaben von Menschen an eine Gottheit - über Generationen hinweg in die Erde eines Heiligtums gestellt.



Ein Priester, ein Feld und ein Fund, der die Forschung bis heute beschäftigt


Agia Irini liegt an der Nordküste Zyperns, westlich von Kyrenia, das Dorf trägt heute den türkischen Namen Akdeniz. Im Sommer 1929 begann dort eine der erstaunlichsten Grabungen der schwedischen Zypern-Expedition, und wie so oft in der Archäologie war der Zufall der eigentliche Entdecker: Der Priester Papa Prokopios hatte auf seinem Land Fragmente alter Figuren bemerkt und eines davon nach Nikosia gebracht. Erst dieser Hinweis aus dem Dorf führte die Wissenschaftler an den Ort, allen voran Einar Gjerstad, der die schwedische Expedition leitete und den Fund später auch selbst wissenschaftlich veröffentlichte.



Bei den anschließenden Ausgrabungen kam ein ländliches Heiligtum zum Vorschein: ein großes, annähernd dreieckiges Temenos mit einer Reihe von Bauten an seiner Nord- und Ostseite.


Rund um einen Altar beziehungsweise einen heiligen Stein standen mehr als 2.000 Figuren und Figurengruppen. Die Forschung datiert die Nutzung des Ortes ungefähr vom 12. Jahrhundert bis an das Ende des 6. oder den Beginn des 5. Jahrhunderts vor Christus, wobei der größte Teil der erhaltenen Terrakotten in die archaische Epoche gehört (Universität Lund: The archaeological collection of Ayia Irini, Cyprus).


Das Heiligtum wurde also nicht für einen einzigen feierlichen Augenblick ausgestattet. Seine Gemeinschaft aus Ton wuchs über Jahrhunderte, Figur um Figur, Bitte um Bitte.

Die meisten der rund 2.000 Statuen und Statuetten stellen Männer dar, häufig als Krieger oder Wagenlenker, daneben stehen Tiere, Mischwesen und einzelne weibliche Figuren im Kreis. Welche Gottheit hier verehrt wurde, ist bis heute nicht sicher geklärt - eine eindeutige Inschrift fehlt, und Namen wie Apollon oder eine mit dem phönizischen Baal verwandte Gottheit werden zwar diskutiert, bleiben aber Deutung (Land 2018: Extra-Urban and Rural Sanc- tuaries in Ancient Cyprus).


Dieses offene Ende schmälert den Fund für uns nicht. Es bewahrt ihn davor, vorschnell in eine vertraute Geschichte gepresst zu werden.



Warum ein großer Teil dieser Sammlung heute in Schweden steht


Wer die Bilder aus Stockholm sieht, fragt sich zu Recht, weshalb ein so großer Teil eines zyprischen Heiligtums in Schweden liegt. Die Antwort führt in die Kolonialzeit: Zypern stand 1929 unter britischer Verwaltung, und nach dem damals geltenden System der Fundteilung durften ausländische Expeditionen einen Anteil der ausgegrabenen Objekte behalten und ausführen. Laut einer wissenschaftlichen Übersicht zur Geschichte zyprischer Sammlungen wurden 1931 insgesamt 771 Kisten mit rund 13.000 registrierten Objekten der schwedischen Expedition nach Stockholm verschifft, darunter ein bedeutender Teil der Funde von Agia Irini (Kyprios Character: Collections of Cypriote Antiquities in Foreign Museums).


Heute zeigt das Medelhavsmuseet annähernd 1.000 Figuren in einer rekonstruierten halb- kreisförmigen Anordnung, wie im Heiligtum selbst (Medelhavsmuseet: Cyprus - 7,000 years of history). Weitere Stücke bewahrt das Cyprus Museum in Nikosia (Besucherführer), die gesamte Fundgruppe ist also über mehrere Sammlungen verteilt.


Forschende der Universitt Lund arbeiten deshalb mit dreidimensionalen Aufnahmen daran, die getrennten Bestände wenigstens digital wieder zusammenzuführen. Erst in diesem Frühjahr waren zwei Weihestatuen aus Agia Irini zudem als Leihgabe im Pariser Louvre zu sehen, im Rahmen des Kulturprogramms zur zyprischen EU-Ratspräsidentschaft 2026 - ein kleiner Beleg dafür, wie weit diese Insel-Geschichte inzwischen reist.




Diese Geschichte lässt sich nicht mit einem einzigen Wort abschließen. Die Ausfuhr geschah im Rahmen der damals gültigen Gesetze, und diese Gesetze waren zugleich Teil einer kolonialen Ordnung, in der die Entscheidungsmacht sehr ungleich verteilt war. Zypern schaffte die Teilung von Grabungsfunden 1964 gesetzlich ab (Department of Antiquities Cyprus: Historical Background). Heute erinnert Agia Irini deshalb an zwei Dinge gleichzeitig: an den Wert internationaler Forschung, die diesen Fund erst ausgewertet und bekannt gemacht hat, und an die Verantwortung, die mit dem Besitz des kulturellen Erbes eines anderen Landes verbunden bleibt.


Die digitale Wiedervereinigung der Sammlung ist für uns mehr als eine technische Fingerübung - sie zeigt, wie Zusammenarbeit heute aussehen kann: als gemeinsamer Zugang zu einer geteilten Geschichte, getragen von Respekt vor ihrer Herkunft.



Steht Agia Irini damit allein da?


Nein, und das macht die Geschichte für uns nicht kleiner, sondern nur genauer. Große Gruppen von Terrakottafiguren sind auch von anderen Orten der antiken Welt bekannt. Im griechi- schen Heiligtum der Aphaia auf Ägina wurden ähnliche Figuren als Weihegaben niedergelegt (Journal of Greek Archaeology zu Aphaia). Aus etruskischen Heiligtümern Mittel-Italiens kennt man umfangreiche Depots mit Köpfen, Körperteilen, Menschen und Tieren - allein ein Fundkomplex aus dem antiken Caere umfasst mehr als 800 Objekte (Phoebe A. Hearst Museum: The Etruscan Collection).


Auch auf Zypern selbst kennen wir Terrakotten und maskierte Figuren aus weiteren Heiligtümern, etwa aus Kourion, Amathous und Athienou-Malloura.



Und dann ist da natürlich der Vergleich, der einem sofort in den Sinn kommt: die chinesische Terrakotta-Armee im Mausoleum des ersten Kaisers Qin Shihuangdi, entstanden im 3. Jahr- hundert vor Christus für das Grab eines einzelnen Herrschers (UNESCO: Mausoleum of the First Qin Emperor).


Agia Irini ist älter, im Maßstab der meisten Figuren kleiner und religiös ganz anders zu verstehen. Kein zentraler Staat ließ hier eine geschlossene Armee fertigen. Viele einzelne Menschen brachten über lange Zeit einzelne Gaben in ein offenes Heiligtum, eine nach der anderen, Generation für Generation.


Agia Irini ist damit nicht der einzige Ort der Welt mit vielen Terrakottafiguren. Außergewöhnlich, im Mittelmeerraum womöglich ohne enge Parallele, ist eher die Kombination: mehr als 2.000 Figuren an einem Platz, ihre Größenvielfalt vom kleinen Votiv bis zur annähernd lebensgroßen Statue, ihre auffällige Individualität, das Nebeneinander von Kriegern, Wagenlenkern, Tieren und Mischwesen, die über Jahrhunderte gewachsene Gemeinschaft und schließlich ihre weitgehend nachvollziehbare Anordnung rund um den Kultplatz. Das eigentliche Wunder von Agia Irini liegt für uns weniger in einem Rekord als in diesem ungewöhnlich vollständigen Blick in einen religiösen Raum, der sonst nur in Bruchstücken überliefert wäre.



Was die Figuren über die Kultur der Insel erzählen


Zuallererst erzählen sie von einer Insel der Verbindungen. Zypern lag zwischen der Ägäis, Anatolien, der Levante und Ägypten, und das Stockholmer Museum beschreibt seine zyprische Sammlung entsprechend als Zeugnis dauerhafter Kontakte mit diesen Regionen.


Auf der Insel wurden solche Einflüsse aber nicht einfach kopiert, sondern aufgenommen, verändert und in eine eigene Bildsprache übersetzt - genau diese Fähigkeit zeigt Agia Irini besonders anschaulich, wenn Kriegerbilder, Stiere, Mischwesen und unterschiedliche Herstellungstechniken einander begegnen, ohne ihre Herkunft offen auszusprechen. Zypern erscheint hier nicht als Randgebiet zwischen größeren Kulturen, sondern als eigener Mittelpunkt, an dem Formen, Vorstellungen und Menschen zueinanderfanden.


Auch das gesellschaftliche Leben rund um das Heiligtum lässt sich vorsichtig erahnen. Untersuchungen der Keramik deuten darauf hin, dass Menschen aus verschiedenen Teilen der Insel den Ort besuchten, und schlichte Gefäße sprechen für gemeinsames Essen und Trinken im Rahmen von Ritualen. Agia Irini dürfte also mehr gewesen sein als der kleine Kultplatz eines einzelnen Dorfes - eher ein Ort, der Begegnung stiftete, Zugehörigkeit sichtbar machte und Beziehungen über lokale Grenzen hinweg festigte.


Die vielen männlichen Kriegerfiguren verweisen wahrscheinlich auf Vorstellungen von Stärke, Schutz, Ansehen und männlicher Repräsentation. Große Figuren waren kostspielig, und wer eine solche Gabe stiftete, zeigte damit auch, was er sich leisten konnte. Eine durch und durch kriegerische Gesellschaft daraus abzuleiten, wäre uns dann aber doch zu viel geschlussfolgert, wo wir doch die Zyprioten nun gar nicht in dieser Denkrichtung verorten: Votivbilder sind keine Volkszählung, und die geringe Zahl weiblicher Figuren beweist ebenso wenig, dass Frauen am Kult kaum beteiligt waren.


Ein Heiligtum zeigt vor allem, was Menschen einer Gottheit gegenüber darstellen wollten, nicht automatisch ihren ganzen Alltag. Wer sich hier zeigen durfte, wer die Gesichter formte, für welche Familien oder Gelübde einzelne Figuren entstanden - all das bleibt für uns eine der leisen offenen Fragen, die diesen Fund so lebendig halten.


Auch die Spuren roter und schwarzer Farbe erinnern uns daran, wie sehr unser Bild der Antike vom Verlust geprägt ist. Was heute erdfarben und still wirkt, war einmal farbig und lebendig. Zwischen den Figuren wurde durch die Menschen gesprochen, gegessen, geopfert und gehofft. Von all dem ist kein Ton mehr geblieben - der gebrannte Ton dagegen schon.



Eine Insel, die ihre Geschichte immer wieder neu zusammensetzen muss


Agia Irini liegt heute im Norden der seit 1974 geteilten Insel, viele seiner Figuren stehen im Süden und in Schweden. Die eigentliche Fundstätte liegt zudem in einer militärischen Sperrzone und ist derzeit weder für Forschung noch für Besucher zugänglich. Wir wollen aus dieser geografischen Zerstreuung keine allzu glatte politische Metapher machen - die antike Geschichte kann den heutigen Zypernkonflikt nicht lösen. Eine Haltung kann sie trotzdem nahelegen: Das kulturelle Erbe Zyperns ist älter als die heutigen Grenzen und größer als jede einzelne Erzählung über die Insel. Es gehört zur Geschichte griechisch-zyprischer und türkisch- zyprischer Menschen, zu den Dörfern rund um die Fundorte und zugleich zu einer Weltöffentlichkeit, die es bewahren möchte. Forschung, Digitalisierung, gemeinsame Ausstellungen und ein fairer Umgang mit Herkunft und Besitz können hier Verbindungen schaffen, ohne Unterschiede zu leugnen.


Mehr als 2.000 einzelne Gestalten bilden in Agia Irini eine Gemeinschaft, ohne ihre Verschiedenheit aufzugeben. Keine Figur gleicht der anderen, und doch stehen sie auf einen gemeinsamen Mittelpunkt ausgerichtet. Genau das ist es, was uns an dieser Insel immer wieder festhält: Zypern hält selten einfache Antworten bereit, zeigt uns aber ein ums andere Mal, wie viel Geschichte in einem einzigen Stück Erde ruhen kann - und wie deutlich eine Gesellschaft aus Ton nach zweieinhalb Jahrtausenden noch zu uns spricht.


In den nächsten Artikeln werden wir schauen, welche Spuren sich noch rund um Kyrenia aus dieser Zeit finden lassen. Diese Insel hat, wie wir immer wieder feststellen, noch einige solcher stillen Gesellschaften zu erzählen.


Alles Liebe Samira & Marten



Quellen und weiterführende Hinweise

Medelhavsmuseet: Cyprus - 7,000 years of history - Umfang und Präsentation der Stockholmer Sammlung, kulturelle Verbindungen Zyperns.

Universität Lund: The archaeological collection of Ayia Irini, Cyprus - Datierung, Charakter des Heiligtums und digitale Zusammenführung der Sammlung.

Uppsala University: The Swedish Cyprus Expedition - Einar Gjerstad und die Leitung der Expedition.

Louvre: Chypre au Louvre (11.02.-22.06.2026) - Ausstellung mit zwei Weihestatuen aus Agia Irini im Rahmen der zyprischen EU-Ratspräsidentschaft 2026.

TALA Community News: Travelogue - Agia Irini village - heutige Zugänglichkeit der Fundstätte in der militärischen Sperrzone.

Land 2018: Extra-Urban and Rural Sanctuaries in Ancient Cyprus - wissenschaftliche Einordnung von Ritual, Keramik, Zentralität und Bildsprache Agia Irinis.

The Cyprus Museum - Besucherführer - Einordnung der Funde im Cyprus Museum in Nikosia.

Department of Antiquities Cyprus: Historical Background - Geschichte des Antikenrechts und Abschaffung der Fundteilung 1964.

Nordzypern auf ein Wort - Agia Irini

Kyprios Character: Collections of Cypriote Antiquities in Foreign Museums - Versand und Verteilung der Funde der schwedischen Expedition.

UNESCO: Mausoleum of the First Qin Emperor - sachliche Abgrenzung zur chinesischen Terrakotta-Armee.

Phoebe A. Hearst Museum: The Etruscan Collection - Vergleich mit einem großen etruskischen Votivdepot aus Caere.

Journal of Greek Archaeology: Terracotta Figurines from the Temple of Aphaia on Aegina - Vergleich mit griechischen Weihfiguren.

 
 
 

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