Ercan am Turtle Beach: Wo Nordzypern nach Meer, Musik und Sommer riecht
- Samira Sinjab

- 11. Juli
- 8 Min. Lesezeit
Es gibt Orte auf Nordzypern, die man nicht erklären muss, weil sie sich selbst erzählen.
Alagadi Beach ist so ein Ort.

Man fährt hinunter Richtung Meer, lässt den Alltag ein Stück hinter sich und steht plötzlich an diesem langen, hellen Strand, der nicht perfekt wirkt im glatten Sinn, sondern genau deshalb so schön ist. Das Meer ist warm, der Sand ist sauber, die Luft trägt diesen Sommergeruch aus Salz, Sonnencreme, Sand und Essen vom Restaurant herüber. Und wenn man ein paar Schritte weitergeht, ist man mittendrin in einer kleinen Welt, in der Nordzypern ganz nah und sehr menschlich wird.
Mittendrin sitzt Ercan.
Viele Leser kennen ihn vielleicht schon aus unserem Buch. Dort haben wir ihm ein eigenes Interview gewidmet: Ercan Mehmet, ein Hippie mit viel Herz und einem erstaunlichen Wissen über Nordzyperns Flora und Fauna. Schon damals saßen wir mit ihm genau an diesem Ort, im Restaurant am Alagadi-Strand, bei Kaffee, selbst gedrehten Zigaretten, Meeresluft und diesem Gesprächsfluss, den man mit Ercan nicht planen kann. Er beginnt irgendwo und landet irgendwann bei Schildkröten, Pflanzen, England, Mallorca, Kunst, Kindheit, Freiheit und dem Sinn des Lebens.

Ercan ist einer dieser Menschen, die man nicht einfach besucht und dann wieder vergisst. Im Buch beschreiben wir ihn als nordzyprisches Urgestein, als jemanden, der auf der ganzen Welt zu Hause ist und doch genau hierher gehört. Er spricht Deutsch, Spanisch, Englisch und Türkisch, aber eigentlich spricht er noch eine andere Sprache: die Sprache der offenen Begegnung. Wenn er merkt, dass jemand aus Deutschland kommt, kann es gut sein, dass er mit seinem berühmten „Na, wat schnackt?“ grüßt. Und spätestens dann weiß man, dass man nicht nur an einem Verkaufsstand gelandet ist, sondern in der Ercan-Welt.
In diesem Sommer hat er wieder neue Mode und Schmuck dabei. Besonders schön sind seine Baumwoll- und Hanfprodukte: Hemden, Hosen, Tops, Kleider, Bademäntel und Handtücher in wunderbaren Farben, guter Qualität und zu einem sehr fairen Preis. Vieles kommt aus der Türkei, fühlt sich leicht an und passt genau zu diesen Tagen, an denen man eigentlich nur noch Stoff auf der Haut haben möchte, der atmet. Bemerkenswert ist auch, dass Ercan seine Preise im Vergleich zum letzten Jahr halten konnte, was in diesen Zeiten nicht selbstverständlich ist.

Dazu kommt sein Schmuck. Manche Stücke kauft er ein, andere macht er selbst. Besonders berührend sind die kleinen Arbeiten aus Dingen, die er am Strand findet und dann veredelt. Im Buch erzählten wir schon von Schmuck, Traumfängern und kleinen Kunstwerken aus dem, was das Meer und der Strand ihm schenken. Ercan sagte damals diesen wunderbaren Satz: „Dieser Platz hier wirft tagtäglich Schätze aus.“ Genau so arbeitet er. Ein Fundstück wird bei ihm nicht einfach weggelegt, sondern bekommt eine zweite Schönheit. Auch seine Räucherkerzchen gehören zu diesem kleinen Zauber. Sie riechen warm und natürlich, weil sie mit echten Kräutern gemacht sind, und wenn dazu seine Musik läuft, entsteht für einen Moment dieses Gefühl, dass der Tag gar nichts mehr leisten muss.
Ercan sitzt im Eingangsbereich beim Restaurant am Alagadi Beach, auch bekannt als Turtle Beach. Wer dort vorbeikommt, sollte sich Zeit nehmen. Nicht nur, um zu schauen, sondern um kurz stehen zu bleiben, ein paar Worte zu wechseln und vielleicht zu sagen: „Na, wat schnackt?“ Dann weiß Ercan, dass ihr Insider seid.
Aus unserem Buch: Warum Ercan hier genau richtig sitzt
Im Buch erzählen wir, dass Ercan nicht immer am Alagadi-Strand saß. Er wurde in England geboren, wuchs in einer multikulturellen Nachbarschaft auf und erlebte schon früh, dass Menschen aus ganz verschiedenen Ländern friedlich nebeneinander leben können. Zu Hause sollte er trotzdem Zypriot bleiben. Türkisch musste er später bewusst lernen, weil sein Alltag zunächst englisch war. Diese Mischung erklärt viel von ihm: Er ist weltoffen, ohne wurzellos zu sein.

Später zog es ihn nach Zypern zurück, zu den familiären Wurzeln. Nach einer Lebensphase, in der er noch einmal alles neu denken musste, reiste er mit einer deutschen Frau im Wohnmobil durch Amerika. Im Interview sagte er sinngemäß, dass sein eigentliches Leben erst dann begann, als er losließ und nicht mehr nur dem folgte, was andere von ihm erwarteten. Vielleicht ist genau deshalb so viel Freiheit in ihm.
Auf Mallorca führte er später ein Restaurant mit Galerie. Auch diese Geschichte passt zu seinem heutigen Stand. Er wollte Künstler nicht ausnutzen, sondern ihnen faire Bedingungen geben. Im Buch erzählen wir, wie er die Konditionen zugunsten der Künstler veränderte und dadurch einen Ort schuf, an dem Kunst, Essen, Begegnung und Dorfleben zusammenkamen. Wer heute in Alagadi bei ihm steht, spürt etwas davon wieder. Sein Stand ist kein Laden im üblichen Sinn. Er ist eine kleine Galerie unter freiem Himmel.
Und dann ist da noch Alagadi selbst. Ercan hat uns damals erklärt, warum dieser Ort für ihn so besonders ist. Wenn man vom Wasser aus in Richtung Berge schaut, wirkt die Landschaft wie eine natürliche Arena. Der Fünf-Finger-Berg steht dahinter wie ein Tempel. Ercan fand am Strand früher immer wieder kleine Tonscherben und stellte sich vor, dass hier schon vor langer Zeit Menschen gelebt haben könnten, weil es Wasser, Meer, Nahrung und Schutz gab. Für ihn ist Alagadi deshalb nicht nur Strand, sondern ein alter Lebensort.
Ein Strand, der mehr ist als ein Strand
Alagadi ist nicht nur ein schöner Badeort. Der Strand ist einer der wichtigen Schildkrötenplätze Nordzyperns. Gerade jetzt liegen dort wieder viele Nester im Sand. Nach unserem Eindruck sind es weniger als im vergangenen Jahr, aber trotzdem noch einige, und jedes einzelne ist ein kleines Versprechen an die Zukunft.

Die Arbeit rund um die Schildkröten wird seit vielen Jahren von SPOT, der Society for the Protection of Turtles, gemeinsam mit Forschungspartnern und dem North Cyprus Department for Environmental Protection begleitet. SPOT beschreibt Alagadi als zentralen Ort der Schildkrötenbeobachtung und weist darauf hin, dass der Strand während der Nistsaison nachts für die Öffentlichkeit geschlossen ist, damit die Tiere nicht gestört werden. Informationen von SPOT zu Turtle Watching in Alagadi
Das ist wichtig, weil Meeresschildkröten auf solche Orte angewiesen sind. Sie brauchen ruhige Strände, Dunkelheit, Schutz vor Störung und genug Raum, um ihre Eier abzulegen. Viele Schildkröten werden erst nach vielen Jahren geschlechtsreif und kehren dann an die Strände zurück, an denen sie selbst geschlüpft sind. Wenn diese Strände verschwinden oder zu stark gestört werden, bricht für sie ein ganzer Lebenskreis weg.
Darum gelten in der Saison besondere Regeln. Der Strand ist tagsüber zugänglich, nach den örtlichen Hinweisen aktuell etwa von 8 Uhr morgens bis 20 Uhr abends; nachts gehört er den Schildkröten und den geschulten Teams. Hunde sind in dieser Zeit nicht erlaubt, weil sie Nester aufgraben oder Tiere stören könnten. Auch Licht, Lärm und unbedachtes Herumlaufen können mehr Schaden anrichten, als man auf den ersten Blick meint.
Auch darüber haben wir im Buch mit Ercan gesprochen. Er erzählte damals, wie wichtig Dunkelheit und Ruhe sind, weil die Schildkröten nachts anlanden und sich am Licht des Mondes orientieren. Besonders berührt hat mich, wie er den Schutz der Tiere mit dem Leben der Menschen hier verbindet. Viele Nordzyprioten hätten in den vergangenen Jahrzehnten mit sehr anderen Sorgen leben müssen, sagte er sinngemäß. Ein nicht anerkanntes Land, wirtschaftlicher Druck, Alltag, Überleben, Familie. Deshalb brauche es manchmal nicht den erhobenen grünen Zeigefinger, sondern Bildung, Geduld und Respekt vor der Lebensleistung der Menschen.

Genau darin liegt für mich die Schönheit seiner Haltung. Ercan schützt die Schildkröten nicht gegen die Menschen, sondern mit ihnen. Wenn jemand mit Hund an den Strand möchte, erklärt er, warum das in dieser Zeit nicht geht. Manche verstehen es sofort, andere brauchen länger. Aber jedes Gespräch ist ein kleiner Schritt. Im Buch sagt er sinngemäß: Wer hier lebt, ist Teil von etwas Besonderem. Und dann dieser einfache, kluge Satz: „Hotels kannst du überall haben.“ Schildkröten an diesem Strand eben nicht.
Wer Schildkröten wirklich erleben möchte, sollte nicht einfach nachts an den Strand gehen, sondern sich über die begleiteten Angebote informieren. SPOT bietet in der Saison Nachtbeobachtungen in kleinen Gruppen an, bei denen Besucherinnen und Besucher die Arbeit der Teams begleiten können. Für die Zeit der Jungtiere gibt es außerdem betreute Ausgrabungen und Freilassungen, je nach Situation der Nester und nur unter kontrollierten Bedingungen. SPOT: Night Watch Booking at Alagadi
Gerade für Kinder kann das etwas sehr Besonderes sein. Nicht als Spektakel, sondern als stille Lektion darüber, wie empfindlich Leben ist und wie viel Sorgfalt es braucht, damit aus einem Ei im Sand irgendwann wieder eine Schildkröte im Meer wird.
Essen, Meer und dieses einfache Glück
Auch das Restaurant am Alagadi Beach ist einen Besuch wert. Wir können besonders die Şiş-Spieße empfehlen, zum Beispiel Chicken Şiş mit frischem Salat und diesem wunderbaren Dressing, das genau zu einem heißen Strandtag passt. Es gibt kalte Getränke, einfache gute Küche und genug Nähe zum Meer, um zwischendurch aufzustehen, barfuß zum Wasser zu laufen, kurz einzutauchen und danach wieder an den Tisch zurückzukehren.
Man kann sich einen Schirm ausleihen, den Tag am Strand verbringen, zwischendurch etwas essen und dann wieder ans Wasser gehen. Genau darin liegt der Charme dieses Ortes. Er ist nicht perfekt durchorganisiert, nicht glattpoliert und nicht überinszeniert. Er ist lebendig. Ein bisschen salzig, ein bisschen improvisiert, ein bisschen wie Nordzypern selbst.
Am Wochenende kann es voller werden, weil auch viele Einheimische den Strand lieben. Wer es ruhiger mag, sollte unter der Woche kommen. Dann hat Alagadi diese besondere Weite, in der man wieder hört, wie das Meer atmet.
Warum ihr Ercan besuchen solltet
Es gibt auf Reisen viele Dinge, die man kaufen kann. Souvenirs, Kleidung, Schmuck, kleine Geschenke. Aber manchmal ist das Eigentliche nicht der Gegenstand, sondern die Begegnung dahinter. Bei Ercan ist das so.
Seine Sachen sind schön, fair und mit Geschmack ausgesucht. Die Kleidung ist leicht und sommerlich, der Schmuck hat Charakter, die Räucherkerzchen riechen nach Kräutern und Wärme. Aber der Grund, warum ich euch wirklich empfehle, ihn zu besuchen, ist Ercan selbst. Er ist ein Gastgeber ohne große Bühne. Ein Mensch, der am Rand eines Strandes sitzt und aus einem Verkaufsstand einen Ort macht, an dem man gerne stehen bleibt.

Vielleicht ist er auch deshalb eine so gute Figur für unser Buch gewesen. Weil er nicht nur etwas über Alagadi erzählt, sondern Alagadi verkörpert: ein bisschen wild, sehr herzlich, naturverbunden, weltoffen, langsam im besten Sinn und voller kleiner Geschichten. Er kennt die Pflanzen, er kennt die Schildkröten, er kennt die Besucher und er kennt dieses Gefühl, dass Nordzypern nicht perfekt sein muss, um einen ganz tief zu erreichen.
Vielleicht ist genau das einer der Gründe, warum ich Nordzypern so liebe. Weil man hier immer wieder Menschen trifft, die nicht laut sein müssen, um zu bleiben. Menschen, die eine kleine Ecke der Insel mit ihrer Art heller machen.
Wenn ihr also in Nordzypern seid, fahrt zum Alagadi Beach. Geht ans Meer, schaut auf die geschützten Nester, esst etwas im Restaurant, achtet auf die Regeln zum Schutz der Schildkröten und besucht Ercan am Eingang.
Und wenn ihr ihn seht, sagt ruhig:
Na, wat schnackt?
Dann lächelt er wahrscheinlich.
Und ihr seid angekommen.
Praktische Hinweise
Ort: Alagadi Beach / Turtle Beach, östlich von Kyrenia/Girne.
Besuch: Unter der Woche meist entspannter als am Wochenende.
Strandzugang in der Nistsaison: tagsüber möglich, nach örtlichen Hinweisen aktuell etwa 8 bis 20 Uhr; nachts ist der Strand zum Schutz der Schildkröten geschlossen.
Hunde: in der Schildkrötensaison nicht mit an den Strand nehmen.
Schildkrötenbeobachtung: nur über begleitete Angebote, zum Beispiel über SPOT.
Ercan: im Eingangsbereich beim Restaurant am Alagadi Beach.
Quellen und Hinweise
Eigenes Buch / Stil- und Inhaltsanker: Nordzypern auf ein Wort, Kapitel 2.3.6 „Traumhafte Strände am Alagadi & Golden Beach“, Kapitel 2.3.8 „Faszination der Schildkröten im Naturschutzgebiet“ und Kapitel 2.4 „Interview mit Ercan Mehmet - Ein Hippie mit viel Herz und endlosem Wissen über Nordzyperns Flora und Fauna“.
SPOT / Cyprus Turtles, Informationen zu Turtle Watching in Alagadi: https://cyprusturtles.org/where-to-watch-turtles
SPOT / Cyprus Turtles, Night Watch Booking at Alagadi Beach: https://cyprusturtles.org/night-watch-booking-at-alagadi
SPOT / Cyprus Turtles, Hintergrund zur Arbeit der Society for the Protection of Turtles in Nordzypern: https://cyprusturtles.org/





Kommentare